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Der Entzug beginnt im Hirn

Die Gier auf Nikotin, Alkohol und harte Drogen hat ihren Ursprung im Hirn. Und dort will die Wissenschaft unsere Süchte auch bekämpfen - mit neuartigen Pillen und Impfungen. Von Beate Kittl, Christopher Schrader

Zürich  An der ETH in Schwerzenbach sind nicht nur die Ratten süchtig. Der Neurobiologe Joram Feldon vom toxikologischen Institut der Hochschule im Zürcher Vorort erfährt am eigenen Leib, was er an Versuchstieren erforscht. Mit seinen kokainabhängigen Ratten hat Feldon viele der Vorgänge im süchtigen Gehirn aufgedeckt. Doch beim Versuch, sich - pünktlich zum Millennium - das Rauchen abzugewöhnen, hilft ihm seine Forschung nicht. Einzig eine Wette mit seinem Sohn stärkt Feldons Willenskraft: Wer von beiden zuerst wieder anfängt, zahlt dem anderen 1000 Franken.

Dass sich Gehirnforscher Feldon auf so altmodische Methoden wie eine Wette verlässt, passt nicht ganz zu den Erkenntnissen seiner Zunft. In den letzten Jahren haben die Neuro-Wissenschaftler in überraschenden Details enthüllt, auf welche Hirnstrukturen Nikotin, Alkohol und illegale Drogen zielen. Sie haben dabei erkannt, wie wichtig für das Verständnis von Sucht die Gier des Gehirns ist - die Gier nach dem nächsten Zug, dem nächsten Schluck, dem nächsten Kick.

Dieses Verlangen zu erforschen hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. Denn je mehr die Wissenschaftler über das von ihnen «Craving» genannte Gefühl enthüllen, desto mehr Wege aus der Sucht tun sich auf. Der neuste: Die Gier lässt sich im Hirn gezielt mit Pillen bekämpfen. Gegen Heroin und Alkohol sind bereits Präparate auf dem Markt. Weitere Substanzen gegen Kokain und Nikotin, ja sogar «Impfungen» gegen die Drogen, sind in Entwicklung. Selbst gegen Spielsucht wird ein Mittel erprobt.

Den grössten Einfluss wird vermutlich die Raucherpille Zyban haben. Von Nikotin sind mehr Menschen abhängig als von jeder anderen Droge, jeder dritte über 15 Jahren hier zu Lande. Zyban wurde kurz vor Ende 1999 in der Schweiz zugelassen und ist ab April auf dem Markt. Etwa 6000 Raucher werden damit noch dieses Jahr versuchen, vom Tabak loszukommen, schätzt Hersteller Glaxo Wellcome.
Die neue Anti-Raucher-Pille wirkt ganz anders als Nikotinpflaster oder -kaugummi. Sie mindert im Gehirn die Gier nach Zigaretten. Wer das Präparat nimmt, hat weniger Probleme, in kritischen Situationen auf den Glimmstängel zu verzichten. Wie genau der aktive Wirkstoff von Zyban - das schon lange genutzte Antidepressivum Bupropion - funktioniert, ist allerdings selbst den Herstellern noch schleierhaft. Doch klinische Studien belegen die Wirksamkeit: Rund 30 Prozent der Testpersonen waren noch nach einem Jahr rauchfrei. Das klingt nach einem bescheidenen Erfolg, aber mit herkömmlichen Nikotinpflastern schafften es nur 16 Prozent, mit Placebos - Pillen ohne Wirkstoff - immerhin 15 Prozent. Ohne jede Hilfe erreichen nur sechs Prozent ihr Ziel.

Darum dürfte auch die Tatsache, dass die Krankenkassen das Medikament womöglich nicht bezahlen, die Aufhörwilligen kaum schrecken. Die Drei-Monats-Packung zu 285 Franken kostet insgesamt deutlich weniger, als sich jeden Tag eine Schachtel Zigaretten zu kaufen. In den USA, wo Zyban seit 1997 auf dem Markt ist, haben mehr als vier Millionen Raucher die Pille genommen. Dabei hat das Medikament etliche Nebenwirkungen. Die häufigsten Beschwerden, Mundtrockenheit und Schlafstörungen, sind relativ harmlos. Bei entsprechender Veranlagung kann es aber auch zu Krampfanfällen kommen, warnt der Hersteller. Und in seltenen Fällen macht das Antidepressivum depressiv: etwa die Journalistin Carla Rinaldi, die Zyban bei einem Test der Zeitschrift «Puls-Tip» versuchte. «Am Schluss habe ich nur noch geheult», sagt sie. Nach einer Woche setzte sie das Mittel ab, nun raucht sie weiter.

Ähnlich wie Zyban beim Nikotin dämpft das Medikament Campral die Gier von Alkoholkranken nach dem nächsten Schluck. Das Mittel mit dem Wirkstoff Acamprosat, das Walter Zieglgänsberger und sein Team vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie erforscht haben, dämpft das Verlangen nach Alkohol. Nach 11 Monaten mit dem Mittel waren noch 45 Prozent der Teilnehmer einer Studie abstinent. In der Placebo-Gruppe schafftens nur 25 Prozent.
Die Sucht nur mit Pillen zu kurieren ist allerdings eine Illusion, sagen Experten. «Wer nicht wirklich aufhören und sich dabei helfen lassen will, wird von den Pillen enttäuscht», sagt Ambros Uchtenhagen, Direktor des Zürcher Instituts für Suchtforschung. Auch Zieglgänsberger warnt: «Mittel gegen das "Craving" sind eine chemische Krücke. Sie helfen, bis der Abhängige gelernt hat, in kritischen Situationen Nein zu sagen.»

Entscheidend ist offenbar, die Pille mit therapeutischen Angeboten zu verknüpfen; auch die Teilnehmer der Zyban- und der Campral-Studie erhielten eine zusätzliche Betreuung. Wie wichtig das ist, können die Suchtforscher aus ihren Erkenntnissen über das Verlangen ableiten. Die Auslöser für den Griff zu Zigarette, Flasche oder Kokain liegen im sozialen Umfeld, etwa im Geruch von Kaffee (der in der Zigarettenpause getrunken wurde), im Stimmengewirr (das in der Bar herrschte) oder den Geldscheinen (mit denen sich Drogen bezahlen lassen). Diese neutralen Reize verbinden sich so eng mit dem Kick der Droge, dass sie das Verhalten fast autonom steuern. «Im Lauf der Sucht wird der Mensch auf manche Reize geradezu dressiert», sagt Uchtenhagen. «Immer wenns aufregend wird, greift er automatisch zur Zigarette.»

Die alten Schlüsselreize reissen daher auch einen Menschen, dessen Körper von der Droge entwöhnt ist, schnell zurück in die Sucht. Er verliert die Kontrolle über sein Verhalten und denkt erst wieder nach, wenn die Flasche leer oder die Nadel gesetzt ist. «Sucht ist die Krankheit der Rückfälle», sagt Zieglgänsberger. «Das ist das Typische daran.»

Denn alle Phasen der Sucht - von Rausch bis Rückfall, von Kick bis «Craving» - spielen sich primär im gleichen kleinen Hirnareal ab: im so genannten Nucleus Accumbens, dem Belohnungssystem. Die Evolution hat diesem Nervenknoten eine entscheidende Rolle zugeteilt. Er verbindet lebenswichtige Vorgänge wie Essen, Trinken und Sex mit einem Lustgefühl. Dazu schütten die Nervenzellen Botenstoffe aus, vor allem Dopamin. Es driftet durch einen schmalen Spalt von einer Zelle zur anderen, löst dort an einem Empfänger-Molekül die erwünschte Reaktion aus und wird dann normalerweise schnell wieder eingefangen. Sämtliche Drogen jedoch stören den Mechanismus so, dass mehr freies Dopamin übrigbleibt:

  • Nikotin steigert die Ausschüttung;
  • Kokain blockiert die Wiederaufnahme;
  • Opiate hemmen Nervenzellen, die die Dopaminmenge begrenzen;
  • Cannabis benutzt einen anderen körpereigenen Steuerkreis, den es wie mit einem Nachschlüssel starten kann;
  • Alkohol greift so umfassend in die Steuerung der Neuronen ein, dass ebenfalls mehr Dopamin durch den Spalt schwirrt.

Dopamin sorgt jedoch nicht selbst für den Kick, sondern setzt gleichsam hinter alle Erlebnisse ein Ausrufezeichen: Das hier, was du gerade tust, dieser Ort, dieser Geschmack, dieser Geruch! - das ist immens wichtig, sagt der Dopaminschub dem Drogennutzer. Das Belohnungs-zentrum verknüpft die Umstände des Konsums mit der spezifischen Wirkung der Droge: Kokain putscht auf, Nikotin erhöht womöglich die Aufmerksamkeit, Alkohol lässt die Angst schwinden.
Kein Wunder, dass auf diese Weise banale Dinge eine übergreifende Bedeutung erhalten: «Diese Reize merkt sich das Gehirn ganz schnell», sagt Zieglgänsberger, «und zwar mit Überschreibschutz. Kaum etwas kann dieses Erlebnis aus dem Gedächtnis löschen.» Genau darin besteht die psychische Abhängigkeit des Rauchers, Trinkers oder Junkies. Er hat gelernt, dass er seine mentale Verfassung manipulieren kann. Die Erfahrung zwingt ihn, das Mittel weiter zu gebrauchen - er hat die Kontrolle verloren.

Das gilt besonders für Raucher, bei denen die psychische Abhängigkeit vorherrscht. «Die meisten Hirnforscher sind sich einig, dass Nikotin - wenn überhaupt - nur eine schwache körperliche Abhängigkeit auslöst», sagt Joram Feldon. «Das heisst nicht, dass Rauchen einfach aufzugeben ist: Es macht hochgradig süchtig.» Denn obwohl Nikotin schon sieben Sekunden nach dem ersten Zug das Gehirn überflutet, macht der körperliche Kick vor allem psychisch abhängig. Bei der Pause mit Kollegen zu rauchen oder den Stress bei Termindruck mit einer Zigarette zu bekämpfen, ist eine Gewohnheit. Damit befriedigt der Raucher die Sucht seines Geistes. Dass ihr Körper Nikotin braucht, spüren viele Tabakkonsumenten nur nach dem Schlafen: Die erste Zigarette am Morgen vertreibt das leichte Unwohlsein.

Alkohol und Opiate wie Heroin dagegen bewirken eine massive körperliche Abhängigkeit. Da diese Drogen körpereigene Stoffe imitieren, gerät im Gehirn das empfindliche Gleichgewicht zwischen Botenstoffen und Empfänger-Molekülen durcheinander. Der Benutzer der Droge nimmt das als Entzugserscheinung wahr. Durch den Griff zu Nadel oder Flasche stellt der Junkie oder Trinker den Normalzustand wieder her.
Der Weg aus der Sucht muss daher für viele Betroffene mit einer körperlichen Entgiftung beginnen: Die Balance der Moleküle im Hirn pendelt sich langsam wieder ein. «Aber auch wenn die Patienten trocken sind», warnt Walter Zieglgänsberger, «sind sie immer noch süchtig.» Nur selten nämlich können Drogennutzer die früheren Auslöser der Sucht restlos vermeiden. Besonders bei den legalen Drogen Tabak und Alkohol, die offen konsumiert werden, kommt der eben Entwöhnte immer wieder in Situationen, die in ihm übermächtiges Verlangen wecken.

Die Pillen gegen die Sucht können die Gier einige Monate lang dämpfen. Doch um auf Dauer abstinent zu bleiben, braucht es weitere Hilfe, zum Beispiel eine Psychotherapie. Die Aufklärung über die gesundheitlichen Vorteile des Aufhörens nimmt dabei meistens wenig Raum ein. Trinker und Junkies erfahren ständig, dass ihre Sucht ihnen schadet. Und die meisten Zigarettensüchtigen wissen ohnehin, dass sich ihr Geschmackssinn nach dem Aufhören in Tagen erholen würde, die Atemkapazität in wenigen Monaten und das Herz nach Jahren.
Stattdessen, haben die Forscher erkannt, müssen solche Angebote vor allem für Raucher individuell abgestimmt werden - jeder Betroffene reagiert anders. Das Spektrum der Therapien reicht von praktischen Tipps (Obst, Saft und Kaugummi auf den Schreibtisch legen) über Gruppengespräche bis zur Hypnose.

Auch bei der Gestaltung der Therapien für Alkohol- oder Opiatsüchtige hat sich in den letzten Jahren viel getan. «Es heisst nicht mehr: Du musst erst clean sein, dann helfen wir dir, dein Leben zu ordnen. Das ist heute umgekehrt», sagt Michael Krausz, Suchtforscher an der Universität Hamburg. Darum sind überall in Europa besonders für Heroinsüchtige niedrigschwellige Angebote entstanden: Dort verlangen die Sozialarbeiter vom Junkie nicht, dass er sich gleich zur Abstinenz verpflichtet. «Da können die Benutzer reinkommen und reden oder sich auch nur in sauberer Umgebung mit frischen Spritzen ihren Schuss setzen», sagt Walter Zieglgänsberger.

Auch die Abgabe des Ersatzstoffes Methadon und zum Teil sogar von Heroin - beides unter ärztlicher Aufsicht - kann Süchtigen aus ihrem Teufelskreis heraushelfen. Denn wenn sie ihre Droge nicht mehr im Milieu kaufen und in dunklen Hauseingängen spritzen, verlieren viele der Schlüsselreize an Bedeutung. «Der Konsum wird dadurch banal», sagt Zieglgänsberger. Das «Craving» nimmt ab - und damit die Gefahr eines Rückfalls bei einem späteren Entzug.
Ohnehin gilt totale Abstinenz heute nicht mehr als einziges Ziel. «Wenn Rückfälle nur alle zwei Jahre vorkommen statt alle drei Monate», sagt Zieglgänsberger, «dann ist auch schon viel gewonnen.» Und wer zwei Gläser Cognac pro Tag trinkt statt einer Flasche, entlastet immerhin sein Hirn und seine Leber. Die Sucht als gesellschaftliches Phänomen werden die Experten auch mit ihren neuen Methoden nicht ausrotten. «Drogen erfüllen eine Funktion», sagt Uchtenhagen. «Die Menschen übertünchen damit unangenehme Situationen oder verstärken den Plausch.» Es werde immer einen «nicht ganz kleinen Anteil» von Menschen geben, die mit den Mitteln nicht umgehen könnten. «Die Gesellschaft muss einfach akzeptieren, dass es Sucht gibt und dass manche Süchtige gar nicht aufhören wollen», sagt Zieglgänsberger.

Aber wer sich aus der Abhängigkeit lösen will und es bisher nicht geschafft hat, kann mit einer Kombination aus besseren Therapien und Pillen gegen die Sucht die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnen.

facts, 31.03.2000


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